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Die Natur jenseits des Verstandes

Ein Mann steht vor einem Schild eines WalderlebnispfadesGestern war ich eine Runde im Wald laufen. Dabei sind mir wieder einmal die großen Schilder des hiesigen "Walderlebnispfades" aufgefallen. Da werden allerhand Naturphänomene im Wald thematisiert. Ist natürlich auf den ersten Blick eine schöne Sache, weil auch die Leute, denen der Bezug zur Natur fehlt, wenigstens die Aufmerksamkeit auf der Verstandesebene dann dorthin lenken und vielleicht mehr sehen, wenn sie in ihre Probleme versunken auf den Waldwegen herum spazieren. Ein Punkt, der schade ist, dass es wieder einmal die Sache in den Verstand schiebt und möglicherweise damit verhindert, dass die Phänomene so richtig erlebt werden. Es haben schon viele Weise gesagt, dass man den Tieren und Pflanzen ihren Zauber nimmt, wenn man sie benennt.

Ich habe am Sonntag einen Spaziergang in einem nahen Naturschutzgebiet gemacht, dabei ist mir ständig eine verdorrte Pflanze aufgefallen, die in richtigen Feldern in den lichteren Bereichen des Waldes und des Flussufers gewachsen ist. Nach kurzem näheren Betrachten war mir klar, dass es sich um verblühte kanadische Guldruten vom letzten Jahr handelte. Mein Verstand hat das eingeordnet, und ich hätte es einfach vergessen und weitergehen können und die Gegend genießen. Da ich gottseidank immer wieder mit einer gewissen Offenheit aller Sinne in der Natur unterwegs bin, ist mir dann aufgefallen, dass die Pflanze mir immer wieder in die Aufmerksamkeit drängte. Sie war auch recht oft zu sehen. Wolf-Dieter Storl, der bekannte Ethnobotaniker, hat einmal gesagt, dass ihn die Pflanzen manchmal rufen und teilweise auch zu ihm kommen (z.B. plötzlich auffällig üppig vor dem Haus wachsen), wenn er sie gerade als Heilpflanzen braucht. Und etwas Ähnliches ist mir auch hier passiert. Mir kam plötzlich in den Sinn, dass unser Kater, der bereits stolze 18 Jahre alt ist, gerade Nierenprobleme hat und die Goldrute auch mir da schon öfters geholfen hat. Die letzten beiden Tage trinkt unser Kater Goldrutentee - und zwar freiwillig, weil er auch spürt, dass ihm das gut tut.

Ein Mann kniet vor einem Goldrutenfeld im WaldWorauf ich hinaus will: wir nehmen so oft die Natur nur über unseren Verstand wahr. Wir etikettieren und ordnen ein, wir versuchen uns Namen, Gefiederfarben und Flugbilder von Vögeln oder die Flügelmuster von Schmetterlingen zu merken. Dabei entgeht uns das buchstäblich Wesentliche, also das Wesen. Die Natur hat faszinierende Zusammenhänge in ihren unzähligen Ökosystemen, aber wir verpassen bei deren Untersuchung jene Aspekte von Pflanzen und Tieren, die uns bei unserer eigenen Entwicklung eine große Stütze sein könnten. Der Mensch ist auf der Erde, um sich zur besten Version seiner Selbst zu entwickeln. Die nötigen Zutaten trägt er in sich, aber er findet sie genauso in den Tiefen und Pflanzen da draußen gespiegelt.

Ein Mann meditiert vor einer EicheAlles ist miteinander verbunden. Jedes Mal, wenn ich eine Pflanze im Wald nicht einordne und etikettiere, sondern mich ruhig vor sie hinhocke und sie mit allen Sinnen in mich aufnehme, geschieht tief drinnen in uns etwas. Der Teil von uns, dem diese Pflanze entspricht, resoniert - deshalb funktionieren Heilpflanzen. Bei meinen Waldgängen hilft es manchmal zu wissen, welcher Baum das ist, aber im Prinzip bräuchten wir nur spüren und mit allen Sinnen wahrnehmen, dann würden wir die königliche Qualität der Eiche deutlich spüren. Und wenn man als Mann sein Leben nicht im Griff hat, kann es tatsächlich sehr hilfreich sein, sich im Schneidersitz unter eine Eiche zu setzen und an den Stamm angelehnt zu meditieren. Das ist ganz einfach und folgt keinem bestimmten Schema: einfach die Augen schließen und warten. Der Verstand beruhigt sich bei mir nach etwa 10 Minuten, danach öffnet sich eine andere Wahrnehmungsebene. Und wenn wir dann unsere Aufmerksamkeit auf den Stamm hinter uns richten, kann der "Download" beginnen.

Also vielleicht lasst ihr beim nächsten Waldspaziergang die Bestimmungsbücher und euer Wissen über all die Namen zuhause und lasst euch intuitiv zu jenen Pflanzen führen, die gerade eine Botschaft für euch haben. Wem das zu schwierig erscheint, der kann das gerne mit mir gemeinsam im Rahmen eines Waldganges machen. Meldet euch einfach!